Die folgenden Informationen orientieren sich an dem Fachartikel„Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen – Herausforderungen und Empfehlungen“ von Küpper, Bartels & Dziobek (2025), veröffentlicht im Psychotherapeutenjournal. Hier finden sich weitere Informationen zum diagnostischen Prozess, dem empfohlenen Vorgehen sowie typischer Herausforderungen und praxisnaher Empfehlungen.
Die Diagnostik sollte sich an den evidenzbasierten S3-Leitlinien der DGKJP und DGPPN (2016; gültig bis 2021, derzeit in Überarbeitung) sowie an internationalen Leitlinien (z. B. NICE, 2021) orientieren. Empfohlen wird ein mehrstufiges diagnostisches Vorgehen: Auf ein initiales ASS-spezifisches Screening bei klinischem Verdacht folgt bei weiter bestehendem Verdacht eine vertiefende Diagnostik im Bereich ASS und allgemeiner Psychopathologie unter Einbezug strukturierter Diagnose-Instrumente sowie eine Abschätzung des Intelligenzniveaus. Den Abschluss bilden eine umfassende Befundmitteilung sowie eine Beratung hinsichtlich weiterer Therapieempfehlungen.
Die Autismus-spezifische Diagnostik beruht mangels sensitiver objektiver Verfahren (Parellada et al., 2023) auf einer umfassenden klinischen Einschätzung. Diese sollte neben der Erfassung der autistischen Kernsymptomatik über die Lebensspanne nach ICD-/DSM-Kriterien eine direkte Verhaltensbeobachtung, die Einschätzung des psychosozialen Funktionsniveaus, eine strukturierte Fremdanamnese sowie eine ausführliche Anamnese zu psychischen und somatischen Störungen umfassen. Bei Indikation sind zusätzliche somatische oder neurologische Abklärungen vorzunehmen. Die abschließende diagnostische Einschätzung sollte stets als integrative „bestmögliche klinische Diagnose“ erfolgen – basierend auf der Gesamtschau aller erhobenen Befunde und keinesfalls gestützt auf ein einzelnes Verfahren.
Formalisierte Instrumente wie ADOS und ADI-R gelten international als zentrale Bausteine, ihr Einsatz im Erwachsenenalter ist dabei sorgfältig abzuwägen. Die Leitlinien empfehlen keinen routinemäßigen Einsatz der beiden Instrumente bei Erwachsenen, da die Evidenz zur diagnostischen Validität in dieser Altersgruppe unzureichend ist. Auch aus unserer Sicht sind ADOS und ADI-R (trotz diagnostischem Nutzen) nicht zwingend erforderlich, um eine Autismus-Diagnose zu stellen, zumal sie in Anschaffung und Anwendung aufwändig sind. In der klinischen Praxis haben sich ADOS und ADI-R jedoch als hilfreiche Instrumente zur differenzierten Verhaltensanalyse und Fremdanamnese bewährt und werden daher in spezialisierten Einrichtungen, so auch bei uns, regelmäßig unterstützend eingesetzt.
Insgesamt ist eine fachkompetente Diagnosestellung im Erwachsenenalter essenziell, um individuelle Unterstützungsbedarfe verlässlich zu identifizieren und geeignete therapeutische sowie alltagsbezogene Maßnahmen ableiten zu können.
Insgesamt möchten wir ausdrücklich dazu ermutigen, sich der Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen zu nähern. Dabei ist es aus unserer Sicht von zentraler Bedeutung, dass die diagnostische Einschätzung einem fachlich vergleichbaren Standard folgt.


